Mitteilung vom 03.12.2003


Kabinett schafft Steuerprivileg bei Lebensversicherungen ab

Berlin (dpa) - Ein grau melierter Herr, der mit einem Bündel Hundert-Mark-Scheinen winkte und in die Kamera versprach: «Sicherheit mit Dividende - Lebensversicherung». Die Fernsehwerbung war ein großer Erfolg: Die Lebensversicherung ist heute mit weitem Abstand die beliebteste Altersvorsorge der Deutschen. Insgesamt 91 Millionen Verträge gibt es derzeit. Jetzt allerdings stehen Änderungen bevor, die die Branche mit großer Sorge betrachtet. Das Bundeskabinett beschloss, dass das Steuerprivileg für Lebensversicherungen 2005 wegfallen wird.

Künftig müssen bei der Auszahlung einer Kapital bildenden Lebensversicherung auf die Erträge Steuern gezahlt werden - wie bei anderen Anlageformen auch. Steuerfrei bleiben nur die Beiträge, die der Versicherte während der Laufzeit des Vertrags selbst angespart hat. Die Erlöse aus dem festgelegten Garantiezins pro Jahr (derzeit noch 3,25 Prozent) sowie die darüber hinaus gehende Überschussbeteiligung müssen dagegen versteuert werden. Bislang war dies nur der Fall, wenn der Vertrag nach weniger als zwölf Jahren gekündigt wurde.

Mit der Neuregelung folgt die rot-grüne Bundesregierung einem Vorschlag der Rürup-Kommission. Die Änderung gilt jedoch nur für neue Verträge. Für alle bestehenden Lebensversicherungen gibt es einen Bestandsschutz. Die Versicherungsbranche fürchtet aber, dass der Vorsorgeklassiker mit dem Wegfall des Steuervorteils weiter an Attraktivität verliert. Denn schon seit einer Weile sorgen sich viele Verbraucher, dass die Policen nicht mehr halten, was die Versicherungsvertreter beim Abschluss einst in Aussicht stellten.

Der Crash an den Börsen und die niedrigeren Zinsen haben einige Assekuranzfirmen in Schieflage gebracht. Der Sanierungsfall Mannheimer Leben musste sogar von der Auffanggesellschaft Protektor gerettet werden. Die Senkung von Garantiezins und Überschussbeteiligungen hatte zur Folge, dass deutlich weniger Lebensversicherungen verkauft werden als früher. Acht Millionen Neuverträge werden es in diesem Jahr noch sein - satte 22 Prozent weniger als 2002.

Der Gesamtverband der Deutschen Versicherungswirtschaft (GDV) lehnt den Kabinettsbeschluss folglich ab. «Damit wird ein beliebtes und bewährtes Anlageprodukt beschädigt», sagt Sprecher Stephan Gelhausen. Ohne Steuerprivileg dürften für die 400 000 Versicherungsvertreter in Deutschland nun noch härtere Zeiten anbrechen. Wenn sie weniger Verträge verkaufen, kassieren sie auch weniger Provisionen. Bislang mache das Geschäft mit der Altersvorsorge bei manchem fast die Hälfte der Einnahmen aus.

Die Branche denkt deshalb schon länger über neue Vorsorgemodelle nach. Wenig Hoffnung setzt sie dabei in die staatlich geförderte Riester-Rente. Der GDV verweist darauf, dass in diesem Jahr gerade einmal 500 000 Verträge geschlossen wurden. Einen Trost haben die Versicherer aber auf jeden Fall: Weil die Neuregelung für die Lebensversicherungen erst 2005 in Kraft treten soll, wird im nächsten Jahr noch einmal ein Boom erwartet.

Verbraucherschützer warnen deshalb schon davor, in den verbleibenden Monaten bis zum 1. Januar 2005 auf vermeintliche Sonderangebote hereinzufallen. «Wer mit dem Gedanken spielt, eine Lebensversicherung abzuschließen, sollte sich genau überlegen, ob sie zu ihm passt», sagt Versicherungsexperte Andreas Wortberg von der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz. «Beim Abschluss von Lebensversicherungen gilt eigentlich das gleiche wie beim Autokauf: Kaufe keinen Mercedes, wenn Du nur einen Golf braucht».

Autor: AVL © AVL

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